Arbeiten und Überleben in Jugoslawien

Drittmittelprojekt (DFG)

Arbeit und Überleben in Jugoslawien. Regionale Bergbaugesellschaften und der Zweite Weltkrieg

Der Vergleich des größten europäischen Kupfererzbergwerks (Bor/Serbien), der beiden größten jugoslawischen Bleizinkerzbergwerke (Trepca/Serbien, Mežica/Slowenien) und des größten slowenischen Braunkohlenabbaus (Trbovlje/Slowenien) basiert auf mehreren Ankerpunkten:
a) die gemeinsame Staatlichkeit im ersten und im zweiten Jugoslawien sowie die unterschiedlichen Besatzungsregime der NS-Zeit: Militärverwaltung in Serbien, Zivilverwaltung in Slowenien.
b) die wirtschaftliche Relevanz der Bergbausparten: Kupfer, Blei und Zink waren wichtig für die deutsche Kriegsproduktion, Kohle war vor Ort unabdinglich für die Förderung der anderen Rohstoffe.
c) der Vergleich des größten slowenischen und des größten serbischen Bleizinkerzbergbaugebiets gibt Einblick in die unterschiedlichen Besatzungskontexte bei gleicher wirtschaftlicher Wichtigkeit.
d) die Sabotage-Akte der verschiedenen Widerstandsgruppen, die die Arbeit in den Bergwerken nicht unerheblich beeinflußten bzw. störten.
e) die Kombination von schriftlicher Überlieferung und mündlicher Erinnerung, die eine umfassende Analyse des Wandels von mentalen Parametern erlaubt.

Folgende Bezugsebenen innerhalb der vier lokalen Bergbaugesellschaften werden in vergleichender Perspektive untersucht:
a) Die Erfahrungshorizonte der verschiedenen Belegschaftsparten, d. h. der qualifizierten und der nicht qualifizierten Bergleute bzw. auch der kriegsgefangenen und jüdischen Arbeiter. Diese waren konditioniert durch die Arbeitskontexte der Zwischenkriegszeit, die deutsche Besatzungspolitik, die Kriegslage, die Arbeitsabläufe der spezifischen Bergbausparten und durch den technischen Stand des Bergbaus.
b) Die Überlebenswege der Arbeiter und Arbeiterinnen als soziale Praxis innerhalb eines totalitären Kontextes. Die Schattierungen an Verhaltensweisen innerhalb der Spannungsfelder freiwillige und erzwungene Arbeit, Kollaboration und Widerstand zeigen nicht zuletzt die Komplexität der Handlungsmotivationen auf, die durch kategorische begriffliche Definitionen eher verdeckt wird.
c) Die Konditionierung der Lebens- und Arbeitssituation durch nationale bzw. rassische Kategorisierungen und Identifikationen, also die Verbindung von Arbeitseinsatz und Volkstumspolitik, die auch die Frage nach regional geprägten Identitäten aufwirft.
d) Die Auswirkungen der Arbeitskräftebewegungen auf die lokalen Gesellschaften, also Fragen nach Mobilität, Migration und Deportation.
e) Die Frage nach dem Ausmaß, in dem die Kriegsmobilisierung wirtschaftliche Modernisierung förderte oder behinderte, d. h. nach den Auswirkungen, die die deutsche Ausbeutung der Ressourcen auf den Arbeitsablauf hatte. Es geht um das Spannungsverhältnis zwischen der Arbeitserfahrung der Zwischenkriegszeit, den deutschen technischen und industriellen "Modernisierungsmaßnahmen", sowie der Sabotage der Rohstoffförderung bzw. Zerstörung der Bergwerksanlagen durch die Widerstandsgruppen.
f) Schließlich der Umgang mit der Erinnerung an den Arbeitseinsatz im Zweiten Weltkrieg im sozialistischen Jugoslawien sowie in den Nachfolgestaaten.

Zur Kontaktaufnahme wenden Sie sich bitte an:
Dr. Sabine Rutar