Forschungsprojekte kurz vorgestellt

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen Forschungsprojekte vor, die auf Quellen aus dem Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets zurückgreifen.

So wird beispielhaft deutlich, welch weitgespannter Bereich an Fragestellungen mit Hilfe unserer Archivalien bearbeitet werden kann.

Prof. Dr. Ralf Roth / Elena Rentsch, M.A.:

Ein Blick zurück auf die Digitalisierung der Arbeitswelt – der Beitrag der Arbeitnehmer in der Metall- und Elektroindustrie zu ihrer Gestaltung

 

2018-2020

Digitalisierung ist keine neue Herausforderung, sondern hat als strukturbildender Prozess bereits eine sieben Jahrzehnte umfassende Geschichte. Das Projekt beschäftigt sich mit dieser langen Geschichte des Einsatzes von Computern in der Arbeitswelt und mit den reichhaltigen Erfahrungen, die im Umgang damit bisher gesammelt worden sind. Es fokussiert den Blick dabei auf die Akteure der Gestaltung der Digitalisierung, und zwar einerseits in den Betrieben und andererseits bei den Gewerkschaften.

 

Mit der Ausbreitung des Computers für Wirtschaftszwecke begann der Prozess einer nachhaltigen Umgestaltung der Arbeitswelt zuerst im transatlantischen Raum, dann im gesamten Westen und schließlich auf der ganzen Welt. Die Gewerkschaften haben diesen Prozess weltweit mitgestaltet und verfügen daher über viele Jahrzehnte umfassende Erfahrungen des Umgangs mit der Digitalisierung und zwar in praktischer wie theoretischer Hinsicht. Allerdings sind die vergangenen Auseinandersetzungen den gegenwärtig Handelnden oftmals nicht (mehr) bekannt und müssen aus dem "Schutt der Geschichte" (Burkhart) neu rekonstruiert werden. Das Projekt befasst sich mit der Aufarbeitung des praktischen und theoretischen Einflusses der Gewerkschaften auf den Prozess der Digitalisierung der Arbeitswelt. Es wird dabei ausgehend von Fallbeispielen aus verschiedenen Betrieben einerseits untersucht, wie die vielfältigen Auswirkungen der Digitalisierung als Problemstellung von den Gewerkschaften aufgenommen und "verarbeitet" wurden. Andererseits richtet sich der Blick auf die Konzepte, praktisch-politischen Aktivitäten und strategischen Ausrichtungen, mit denen die Gewerkschaften in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs über und in den strukturbildenden Vorgang eingriffen. Dabei werden vor allem die Rückwirkungen gewerkschafspolitischen Handelns in die Betriebe in den Blick genommen und nach der Relevanz dieses Teils gewerkschaftlicher Praxis gefragt.

 

Die Untersuchung erfolgt auf drei Ebenen. Auf der Mikroebene, Fallstudien aus verschiedenen Betrieben, werden die konkreten Probleme in den verschiedenen Wellen der Digitalisierung benannt. Neben der archivalischen Überlieferung in den Unternehmen, wird die mündliche Überlieferung von Zeitzeugen eine besondere Rolle spielen. Auf der Mesoebene werden spezialisierte Akteure in den Blick genommen. Diese hatten sich mit den Problemen in den Betrieben auseinandergesetzt, technologisches Wissen aneignet und die gesellschaftlichen Auswirkungen reflektiert.

 

Hier greift das Projekt u.a. auf den Bestand der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie im Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets zurück. Hier sind zum Beispiel sehr frühe Diskussionen bereits aus den 1950er Jahren über die Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt dokumentiert. Weitere wichtige Quellen für das Projekt finden sich im Bestand von Wolfgang Schaumberg, einem früheren Betriebsrat bei Opel. Über dessen Bestand lässt sich zum Beispiel die Rezeption von soziologischen Thesen zur Automation bei Akteuren der Mitbestimmung nachvollziehen.

 

Auf der Makroebene wird das Eingreifen der Gewerkschaft in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs zur Digitalisierung untersucht. Hierzu spielen neben den Quellen der internen Willensbildung der Niederschlag der Gewerkschaft in der öffentlichen Auseinandersetzung in Form von Pressemitteilungen und Publikationen eine wichtige Rolle.

 

Prof. Dr. Ralf Roth ist Dozent für Neuere Geschichte an der Goethe Universität in Frankfurt am Main.

 

https://www.uni-frankfurt.de/45198595/Roth

 

 

Prof. Dr. KANEKO Takeshi

„Grenzüberschreitungen – Historisch-sozialwissenschaftliche Forschung zu Leben und Werk der japanischen Malerin TOMIYAMA Taeko“

 

Gefördert durch Forschungsmittel der Japan Society for the Promotion of Science

Juli 2017 - März 2021

 

Im Rahmen dieses Projektes folgen elf WissenschaftlerInnen den Spuren der Malerin TOMIYAMA Taeko (geb. 1921) und stellen historisch-sozialwissenschaftliche Untersuchungen darüber an, wie ihre Erfahrungen ihre Kunst prägten und wie sich diese Kunst auf die Weltgeschichte auswirkte. So trug TOMIYAMAs Darstellung des Gwangju-Aufstands in Südkorea (1980), die dort illegal verbreitet wurde, zur Herausbildung der südkoreanischen Gegenwartskunst seit den 80er-Jahren bei und spornte den Kampf für Demokratisierung an. Über Netzwerke von Christen und Menschenrechtsgruppen gelangte ihre Kunst auch nach Europa und Amerika. Besonders aus Deutschland, wo zahlreiche Einwanderer aus Südkorea leben, erfuhr die Demokratiebewegung Unterstützung, nachdem Ilse Lenz (inzwischen Prof. em.) eine Tomiyama-Ausstellung an der Ruhr-Universität Bochum veranstaltet hatte.

 

KANEKO Takeshi konzentriert sich auf die 50er- und 60er-Jahre, in denen TOMIYAMA Recherchen zu Kohlebergwerken auf Kyūshū betrieb und in ihren Gemälden verarbeitete. Besonders interessieren ihn die Kontakte mit dem Ruhrbergbau und der Austausch von Kohlekumpeln. Das Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets verfügt über reiche Bestände zeitgenössischer Primärquellen zu japanischen Bergleuten in Deutschland, von Zeitungsberichten bis zu Gewerkschaftskorrespondenz, die viel über Leben und Arbeitsalltag der Bergarbeiter sowie Reaktionen auf deutscher Seite verraten. Diese Archivalien sind eine große Hilfe, um nachzuvollziehen, welches Bild sich TOMIYAMA von den Bergarbeitern machte.

 

Zur Person: Prof. Dr. KANEKO Takeshi (Seigakuin University, Japan) ist Kulturanthropologe und Ethnologe. Er beschäftigt sich mit dem formativen Prozess der Arbeitskultur unter Fabrikarbeitern im Japan der Moderne. Sein Hauptforschungsgebiet ist das Yahata-Stahlwerk (gegründet 1901), wobei er sich für den Austausch mit Deutschland auf dem Gebiet der Technikkultur, wie die Anwerbung deutscher Ingenieure und die Entsendung japanischer Techniker zur Weiterbildung in Deutschland, interessiert. In den letzten Jahren erforscht er zudem die Adaptierung des aus den USA eingeführten Prinzips „safety first“ in Japan unter Berücksichtigung des geistigen Einflusses aus Deutschland während des Zweiten Weltkriegs.

Klaus Mertsching:

Biografie Heinz Oskar Vetter. Arbeitstitel: HOV – Bergmann und Staatsmann

 

Der 1917 geborene Vetter gehörte als 2. Vorsitzender der IG Bergbau und als DGB–Vorsitzender zu jener Generation der „neuen Gewerkschaftsführer“, die ihren Aufstieg in der Zeit von Wiederaufbau und Nachkriegsprosperität vollzogen haben. Für die Aufarbeitung seines Lebensweges waren neben den Auswertungen der staatlichen Akten (Bundes- und Militärarchiv), und den Archivalien des Public Record Office (Kriegsgefangenschaft), des Europaparlaments, die Überlieferung zu Vetter im Archiv der DDR-Staatssicherheit und dem ehemaligen FDGB-Archiv sowie die gewerkschaftlichen Akten des DGB-Archivs und des Archivs der IGBE von Bedeutung.

 

Mit der Einsicht in die umfangreichen Bestände des Archivs der IG Bergbau und Energie, insbesondere der Protokolle des geschäftsführenden Vorstandes, des Hauptvorstandes sowie der Tarifabteilung wurde es möglich, Vetters gewerkschaftlichen Werdegang in der IGBE von seinem Gewerkschaftseintritt 1946 bis zu seiner Wahl zum DGB-Vorsitzenden 1969 nachzuzeichnen. Ergänzend mit der Überlieferung im DGB-Archiv über seine Amtszeit als DGB-Vorsitzender und die Akten seines Düsseldorfer Büros als Abgeordneter des Europaparlaments konnte seine aktive gewerkschaftliche und politische Arbeit rekonstruiert werden.

 

Klaus Mertsching, geb. 1948, Studium  Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik in Hannover, 1. und 2. Staatsexamen, M.A., 1983 bis 1988 Teamer bei Arbeit und Leben Niedersachsen, 1988 bis 2013 Leiter des DGB-Archivs in Düsseldorf und ab 1995 Bonn, arbeitet z.Z. an der Biografie zu Heinz Oskar Vetter.

 

Pia Eiringhaus:

Industrie wird Natur. Postindustrielle – Repräsentationen von Region und Umwelt im Ruhrgebiet“

 

Während bis in die 1980er Jahre Bilder von verletzten, trostlosen und schwarzen Landschaften die Repräsentationen des Ruhrgebiets dominierten, macht die Region in jüngerer Zeit als „grüne Metropole Ruhr“ mit neuer Naturästhetik, Biodiversität und Artenvielfalt sowie einem vielfältigen Naherholungs- und Naturerlebnisprogramm auf sich aufmerksam. Im Rahmen der Masterarbeit wurde dieser Wandel historisiert. Untersucht wird die – anscheinend kontraintuitive – Kernthese, dass das postindustrielle Renaturalisierungsnarrativ im Ruhrgebiet auf der Versöhnung von Region und Umwelt – mithin von Kultur und Natur – fußt und eine Erfolgsgeschichte der beispiellosen ökologischen Extremtransformation bietet, die in der Industriekulturforschung reproduziert wird. Die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park (1989-1999) ermöglichte durch ihre Wortschöpfung der Industrienatur als zentraler Wegbereiter diesen Wandel vom „schwarzen Land“ zur „grünen Metropole Ruhr“. Der Industrienaturdiskurs verband und verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Ruhrgebiets in einer von der IBA geprägten Weise. Die Akten der IBA Emscherpark GmbH haben Eingang in das Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets gefunden. Sie sind durch ein Findbuch erschlossen, das auch als DVD-Beilage des von der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets 2008 beim Klartext-Verlag herausgegebenen Bandes »Visionen für das Ruhrgebiet. IBA Emscher Park: Konzepte, Projekte, Dokumente« publiziert worden ist.

 

Pia Eiringhaus hat im März 2017 ihren Master of Arts/Master of Education an der Ruhr-Universität Bochum abgeschlossen und ist zurzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promotionsstudentin am Institut für Soziale Bewegungen.

Hillary Orange:

Lighting the Ruhr: Exploring the use of artificial light and light-based technologies at industrial heritage sites in the Ruhr region

 

In 2017 and 2018, I worked with various materials from the Archives for Social Movements in the History of the Ruhr Area in Bochum. At the time, I was leading the project "Lighting the Ruhr", investigating the use of artificial light and lighting at industrial heritage sites in the Ruhrgebiet. The focus of my work was on the Internationale Bauaustellung Emscher Park Project (IBA Emscher Park), a large and ambitious ten-year urban renewal programme (1989-99) that was set up by the Ministry of Urban Development, Housing and Transport, Nordrhein Westfalian Government to reorientate the region away from an economic dependence on coal and steel and toward new directions and futures. The project was generously funded by the Alexander von Humboldt Foundation.

 

The aim of the research was to study the role of light within structural change, as implemented by IBA Emscher Park, as well as historical precedence, e.g. the relationship between light and Ruhrgebiet culture. Within the Emscher landscape, the remains of the industrial past were, literally, presented in a different light. IBA Emscher Park commissioned artists, architects and light designers to create a number of light works across the Emscher zone, including new installations, the illumination of existing industrial objects and the use of temporary lighting to mark project events. Through the archive, and access to the original project documents and plans, I was able to interrogate the motivations to introduce light to the urban landscape, as well as the symbolism and various functional or utilitarian uses.

 

Research in the archive was therefore a central aspect of the project, particularly access to the documents pertaining to IBA Emscher Park, the Regionalverband Ruhr and the 2010 'RUHR.2010' European Capital of Culture project. Relevant materials were varied, including development plans, architectural drawings, photographs and films. Research in the archive was both highly productive and integral to the success of my research.

 

Hilary Orange is an interdisciplinary researcher with an interest in the material, social and political transformation of post-industrial landscape and sites. She comes from the United Kingdom, has a background in archaeology and heritage research (PhD. UCL, 2012) and has worked in the academic, museum and commercial archaeological sectors. Her work involves integrating archaeological techniques with a range of perspectives and methods from the social sciences including historical research, oral history, photography, and ethnography. Her recent edited volume Reanimating Industrial Spaces: Conducting Memory Work in Post-Industrial Societies (Routledge, 2015) interrogates the ways in which memory is involved in the process of place-making in regards to industrial sites and landscapes.  She is currently co-editing the Routledge Handbook of Memory and Place (with Sarah DeNardi, Steven High and Eerika Koskinen-Koivisto). Hilary is currently the Prizes and Grants Officer of the Society for Post-Medieval Archaeology and is a member of the standing committee for CHAT (Contemporary and Historical Archaeology group).

 

https://hilaryorange.wordpress.com/2017/02/15/lighting-the-ruhr/

Jan Kellershohn:

Funktionärsleben. Selbstbilder von Funktionären der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie zwischen Depolitisierung und Gewerkschaftsbewusstsein 1953 bis 1967, Essen 2015.

 

Welche Selbstbilder entwickelten Arbeiter nach der Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 und nach zwölf Jahren Nationalsozialismus und Weltkrieg? Die historische Forschung bewegte sich für die 1950er und frühen 1960er Jahre lange zwischen den Deutungsangeboten einer „Verbürgerlichung“ einerseits und einem Fortleben des Klassenantagonismus andererseits. Große Leerstelle blieben aber Untersuchungen auf der Basis von Ego-Dokumenten, über die die Wahrnehmung der Arbeiter selbst untersucht werden konnte. Einen solchen Aktenbestand bietet der Bestand der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, in dem rund 800 handschriftliche, ausführliche Lebensläufe von Gewerkschaftern aus der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit überliefert sind. Die Arbeit geht anhand dieser Quellen der Frage nach, wie sich Funktionäre in der Nachkriegszeit als Funktionäre entwarfen und diese widersprüchlichen Zuschreibungen verarbeiteten. Das gewerkschaftliche Selbst, so zeigt die Untersuchung, balancierte dabei fortlaufend verschiedene Anforderungen an gewerkschaftliche Selbstverständnisse aus. „Verbürgerlichung“ und „Klassenantagonismus“ stellen folglich keine Analysekategorien dar, sondern waren integraler Bestandteil gewerkschaftlicher Selbstbilder.

 

Jan Kellershohn ist Stipendiat der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets und Doktorand am Institut für soziale Bewegungen und forscht derzeit zur Rolle von Wissen und Qualifikation im „Strukturwandel“ hochindustrieller Gesellschaften.

 

Sebastian Voigt:

Westdeutsche Gewerkschaften und der „Strukturbruch“. Die Politik des DGB, der IG CPK und der HBV in den 1970er und frühen 1980er Jahren

 

Das am Institut für Zeitgeschichte in München und am Institut für soziale Bewegungen in Bochum durchgeführte Habilitationsvorhaben knüpft an die zeitgeschichtliche Debatte über die Wandlungsprozesse der 1970er und frühen 1980er Jahre an. Der Untersuchungsgegenstand ist neben dem Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) vor allem auch die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik (IG CPK). Mit dieser Auswahl soll ein umfassendes Bild der bundesrepublikanischen Gewerkschaftslandschaft dieser Jahre gezeichnet werden.

 

Folgende Leitfragen strukturieren das Vorhaben:

·      Wie nahmen der DGB, die HBV und die IG CPK den Wandel der Gesellschaft und Wirtschaft im Untersuchungszeitraum wahr? Welche betriebs- und tarifpolitischen Schlussfolgerungen leiteten sie daraus ab?

·      (Wie) Wirkte sich der Umgang mit den Veränderungsprozessen auf die innere Struktur der Verbände aus? Welche organisatorischen und programmatischen Anpassungen vollzogen sie?

·      Wie gestaltete sich das Verhältnis der Organisationen zur betrieblichen Ebene?

 

Ein zentraler Quellenbestand für das Vorhaben stellen die Materialien der Industriegewerkschaft Chemie – Papier – Keramik im Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum dar.

 

Zur Person:

Dr. Sebastian Voigt, 2013 Promotion an der Universität Leipzig, seit 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, München – Berlin, seit 2017 Koordinator des Graduiertenkollegs „Soziale Folgen des Wandels der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.“

https://www.ifz-muenchen.de/das-institut/mitarbeiterinnen/ea/mitarbeiter/sebastian-voigt/