Bestandbeschreibung

Bestand Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik



Bestandsname

Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik

Bestandskürzel

IG CPK

Provenienz

Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik, Hauptverwaltung Hannover

Bestandsbildner

Die Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik (IG CPK) war von 1946 bis 1997 in der Bundesrepublik Deutschland die Interessenvertretung der gewerblich Beschäftigten der chemischen Industrie, des gummi- und kautschukverarbeitenden und -produzierenden Gewerbes sowie der Papier- und Keramikindustrie. Die IG CPK war Mitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

Als Vorläuferorganisation der 1946 in der britischen Besatzungszone gegründeten Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik gilt der deutsche Fabrikarbeiterverband, der 1890 als Verband der Fabrik-, Land- und gewerblichen Hülfsarbeiter in Hannover ins Leben gerufen wurde. Zuvor hatte es kaum eine gewerkschaftliche Heimat für ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen gegeben, welche vielerorts aufgrund des weiterhin vorhandenen ständischen Selbstverständnisses vieler Berufe ausgeschlossen blieben. Die Gründung ist vor allem auch in Zusammenhang mit der sich erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in größerem Maßstab entwickelnden und wachsenden chemischen Großindustrie zu sehen, deren immensen und stetig ansteigenden Arbeitskräftebedarf vor allem Ungelernte ländlicher Herkunft deckten. Zu den Versuchen, Beschäftigte aus diesem Wirtschaftssektor vor der Zeit des Sozialistengesetzes gewerkschaftlich zu organisieren, zählten die 1868 gegründete Allgemeine Deutsche Genossenschaft der Hand- und Fabrikarbeiter sowie die Gewerkschaft für Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter (1869). Während diese sich mittelfristig nicht etablieren konnten, blieb der Gewerkverein der deutschen Fabrik- und Handarbeiter (1869) unter dem Dach der liberalen Hirsch-Dunckerschen Vereine bis 1933 bestehen. Neben diesem entstanden 1900 konfessionell geprägte Vereine für Fabrik- und Keramikarbeiter, deren Mitgliederzahlen vor allem bis zum Beginn der 1920er Jahre beträchtlich stiegen, im Vergleich zum Fabrikarbeiterverband, dem sich bis in die 1920er Jahre neben den Glas- und Porzellanarbeiterverbänden noch andere kleinere Verbände anschlossen, jedoch um das Fünffache geringer waren. Der Fabrikarbeiterverband entwickelte sich aufgrund seiner übergreifenden Struktur ebenso wie durch die Aufnahme von Frauen rasch zu einer erfolgreichen Organisation, die einen stetigen Mitgliederzuwachs verzeichnen konnte. Durch die größere Offenheit gegenüber der Mitgliedschaft von Frauen, die einen zunehmenden Anteil vor allem an den ungelernten Arbeitskräften ausmachten, unterschied sich der Fabrikarbeiterverband von anderen, insbesondere berufsständisch geprägten Organisationen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges konnte sich der Fabrikarbeiterverband unter dem Dach des neugegründeten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) als viertstärkste Gewerkschaft etablieren. Mit der Auflösung der Freien Gewerkschaften 1933 endete dieser kontinuierliche Aufstieg. Mit dem Gründungsverbandstag der IG Chemie für die britische Besatzungszone in Hamburg-Harburg im Dezember 1946 wurden die früheren Organisationsbemühungen wieder aufgenommen. Auch in den anderen westlichen Besatzungszonen hatten sich ähnliche Gewerkschaften gebildet. Im Oktober 1948 schlossen sich die drei westzonalen Gruppen unter dem Namen der IG CPK auf einem Vereinigungsverbandstag zusammen. Unter dem Dach des FDGB hatte sich in der sowjetisch besetzten Zone ebenfalls eine IG Chemie gebildet, deren Umbenennung in IG CPK auf der zweiten Zentral-Delegiertenkonferenz im Dezember 1947 in Magdeburg erfolgte. Zu dieser waren auch westliche Vertreter eingeladen, um dem Wunsch einer gesamtdeutschen Gewerkschaftseinheit Ausdruck zu verleihen. Dieses Ziel verfolgten auch die Interzonenkonferenz und die daraus entstanden Interzonenausschüsse zwischen 1946 und 1948, deren Arbeit aber aufgrund der sich entwickelnden politischen Situation in Deutschland nicht erfolgreich sein konnte. 1972 wurde die ostdeutsche Gewerkschaft in IG Chemie, Glas, Keramik (IG CGK) umbenannt. Im April 1990 beschloss die IG CGK auf einer außerordentlichen Zentraldelegiertenkonferenz ihre Vereinigung mit der westdeutschen IG CPK. Dies war die letzte organisationsgeschichtliche Zäsur vor der Fusion mit der Gewerkschaft Leder und der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie 1997. Die daraus entstandenen Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) ist die Rechtsnachfolgerin der IG CPK.

 

Überlieferungsgeschichte

Wie für alle Gewerkschaften gilt auch für diejenige der Chemiearbeiter, dass die ältere Überlieferung vor dem Zweiten Weltkrieg verloren ist. Die IG CPK unterhielt nach dem Zweiten Weltkrieg ein eigenes Archiv. Im Zuge der Fusion zwischen der Gewerkschaft Leder, der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, sowie der Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik zur IG BCE schlug der beim Lenkungsausschuss der Fusionsgewerkschaften eingesetzte Unterausschuss Bibliothek/Archiv 1996 die Übergabe aller Archive und Bibliotheken der drei Gewerkschaften an die Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets vor. Im Dezember 2004 schlossen die Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie einen Depositalvertrag über das Schriftgut der IG BCE und ihrer Rechtsvorgängerinnen. Deren Bestände sollten nun als "Dauerleihgabe" in das Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets (AHGR) eingebracht werden. Zwischen 2005 und 2016 hat das Archiv den Bestand der IG CPK in mehreren Lieferungen vom Hauptsitz der früheren IG CPK in Hannover sukzessive übernommen.

 

Inhalt

Die an das Archiv gelangten Unterlagen der IG CPK umfassen ca. 492 laufende Meter an Geschäftsschriftgut der IG CPK aus sämtlichen Abteilungen der Hauptverwaltung der Gewerkschaft in Hannover sowie vereinzelte Unterlagen aus den Bezirken und Verwaltungsstellen der IG CPK. Hinzu kommt das von der IG CPK selbst publizierte Schrifttum, in der Regel Graue Literatur. Teil des Bestandes ist weiterhin die Überlieferung der Industriegewerkschaft Chemie, Glas und Keramik im FDGB der DDR, sofern deren Akten bei der Verschmelzung der Gewerkschaften im Zuge der deutschen Vereinigung an die IG CPK gelangten und nicht an SAPMO übergeben wurden.

Soweit aus den bereits verzeichneten Unterlagen ersichtlich, umfasst der Bestand im Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets Dokumente seit der Nachkriegszeit bis zur Fusion 1997. Einzelne Dokumente reichen in die Vorkriegszeit zurück. Kleinere Überlieferungsanteile der IG BCE wurden im Zuge von Erschließungsarbeiten 2016 angegrenzt und dem angelegten Bestand IG BCE zugewiesen.

Das Schriftgut der IG CPK wurde bereits im gewerkschaftseigenen Archiv bis 1997 bewertet. Die daraus folgenden Kassationen sind nicht dokumentiert.

Weiter enthält der vorliegende Bestand nicht die Protokolle des Geschäftsführenden Hauptvorstands, die in der Hauptverwaltung der Rechtsnachfolgerin verblieben sind. Außerdem führt auch die IG BCE ein eigenes Tarifarchiv, in dem die Tarifverträge und Protokolle der Tarifverhandlungen der IG BCE und der Vorgängerorganisationen bewahrt werden. Eine geschlossene Überlieferung dieser Unterlagen kann also vom Bestand der IG CPK im AHGR auch nicht erwartet werden. Weiter ist in der Hauptverwaltung der IG BCE in Hannover der größere Teil des Bildarchivs der IG CPK verblieben.

Es ist davon auszugehen, dass weitere Überlieferungsteile, vor allem solche aus Gliederungen in der Fläche, sich in Staats- und Stadtarchiven befinden. Der überwiegende Teil der Überlieferung der IG CGK im FDGB befindet sich im Archiv SAPMO im Bundesarchiv Berlin.

Der jetzt im Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets vorhandene Bestand der IG CPK weist also zeitliche Lücken auf und bildet die Organisation der Gewerkschaft in der Fläche nicht ausreichend ab, ist jedoch der wichtigste Bestand für die Geschichte der IG CPK. Die vorhandenen Unterlagen geben nicht nur Auskunft über die Struktur der Gewerkschaft und ihr organisationsinternes Handeln, sondern sind anschlussfähig an aktuelle sozialgeschichtliche Fragestellungen, zum Beispiel für die aktuell gesteigerte Aufmerksamkeit findende Zeit der 1970er Jahre als Zeit eines sozialgeschichtlichen Strukturbruchs. Akten, die vereinzelt bis auf die Betriebsebene hinabreichen, erlauben Aufschlüsse über die sich wandelnde Arbeit und neue Ansätze leistungsbezogener Entlohnung mittels elektronischer Arbeitszeiterfassungssysteme und sich damit verändernder Arbeitsabläufe. Die Akten dokumentieren aber auch Arbeitskämpfe wie den bedeutenden Streik in der Chemiebranche 1971, der als Wendepunkt von einer konfrontativen Haltung hin zur Entwicklung eines sozialpartnerschaftlichen Modells gilt oder das Aufkommen heute besonders virulenter Fragen des Umweltschutzes.

 

Gesamtlaufzeit

1946 - 1997

 

Umfang

ca. 492 lfd. Meter

 

Erhaltungszustand

Der Bestand wurde bislang nicht konservatorisch bearbeitet.

 

Erschließungszustand

Der Bestand ist vorläufig erschlossen.

 

Ordnungsgrundsätze

Der Bestand ist virtuell über die Klassifikation im Findbuch geordnet. Die Ordnung orientiert sich an einem im Archiv rekonstruierten, vereinfachten Verwaltungsstrukturmodell. Aufgrund der häufigen Umstrukturierungen der Hauptverwaltung, sowie fehlender Zuordnungen der Akten bei der Verwaltung durch Aktenzeichen o.ä., ist die Klassifikation oft unsicher.

 

Literatur

Tenfelde, Klaus (Hg.): Ein neues Band der Solidarität. Chemie – Bergbau – Leder. Industriearbeiter und Gewerkschaften in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, Hannover 1997.

Weber, Hermann (Bearb.): 100 Jahre Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik. Von den Verbänden der ungelernten Fabrikarbeiter, der Glas- und Porzellanarbeiter zur modernen Gewerkschaftsorganisation, Köln 1990.

 

Zugänglichkeit

Laut Depositalvertrag zwischen der Stiftung und der IG BCE unterliegt alles nicht zur Veröffentlichung bestimmte Schriftgut einer dreißigjährigen Sperrfrist nach Entstehung der Unterlagen bzw. einer neunzigjährigen Sperrfrist nach Geburt einer Person, deren personenbezogene Daten im Schriftgut enthalten ist. Schriftgut, das bei seiner Entstehung zur Veröffentlichung bestimmt war bzw. Schriftgut, dessen Sperrfristen ausgelaufen sind, ist ohne weitere Einschränkungen zugänglich.

Nicht zugänglich sind die nicht erschlossenen Sammlungen.