Digitaler Gedächtnisspeicher: Menschen im Bergbau

Digitaler Gedächtnisspeicher: Menschen im Bergbau

Das Forschungsprojekt „Digitaler Gedächtnisspeicher: Menschen im Bergbau“ führt die Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets in Kooperation mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) seit dem Sommer 2014 durch. Es soll bis 2017 abgeschlossen werden und wird durch die RAG-Aktiengesellschaft gefördert.

Im Dezember 2018 wird mit der geplanten Schließung der beiden Bergwerke Prosper-Haniel in Bottrop und Ibbenbüren eine vielhundertjährige Geschichte der Steinkohlenförderung in Deutschland (zumindest vorläufig) enden. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann der steile Aufstieg des industriellen Steinkohlenbergbaus, der über mehr als hundert Jahre ein wesentliches Fundament der deutschen Industriewirtschaft und -gesellschaft bilden sollte. Seit dem Ende der 1950er-Jahre setzte ein mit Hilfe staatlicher Subventionen zeitlich gestreckter und sozialverträglich gestalteter Schrumpfungsprozess ein, der mit den letzten beiden Zechenschließungen 2018 endgültig auslaufen wird.

Der industrielle Steinkohlenbergbau hat auf die Gestalt und Entwicklung seiner regionalen Umgebung in einem Maße Einfluss genommen wie kaum ein anderer Industriezweig. Er dominierte die jeweilige regionale Wirtschaftsstruktur und den Arbeitsmarkt, er veränderte Umwelt und Landschaftsgestalt in seinen Förderregionen dauerhaft, er schuf ganz spezifische Arbeitswelten und regionale Gesellschaften, und er prägte die Identität von Menschen und Regionen in besonderer Weise. Der Steinkohlenbergbau entfaltete so eine historische Wirkmächtigkeit für seine regionale Umgebung, die das Ende seiner Fördertätigkeit um lange Zeit überdauern wird.
Die nachhaltige Sicherung der historischen Hinterlassenschaften des Steinkohlenbergbaus gehört deshalb in seinen (ehemaligen) Förderregionen zu den wichtigen geschichtswissenschaftlichen und -politischen Aufgaben. Übertagebauten des Steinkohlenbergbaus werden als Industriedenkmäler anerkannt und dauerhaft geschützt, dingliche Überlieferungen werden im Montanhistorischen Dokumentationszentrum (montan.dok) beim DBM und anderen Einrichtungen gesammelt und einer musealen Nutzung zugeführt. Das Bergbau-Archiv/montan.dok und das Archiv für soziale Bewegungen der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets sichern, neben anderen Einrichtungen, die archivischen Überlieferungen von Bergbauunternehmen, -verbänden und -gewerkschaften, die Bibliothek des Ruhrgebiets pflegt ihre großen Bestände zur Literatur des Steinkohlenbergbaus und Literatur zum Steinkohlenbergbau weiter.

Einen wesentlichen Bestandteil des historischen Erbes des Steinkohlenbergbaus stellen aber auch die Erinnerungen, Wahrnehmungen und Reflektionen der Menschen dar, die in diesem Industriezweig gearbeitet haben, noch arbeiten oder deren Lebensumfeld vom Steinkohlenbergbau geprägt war und ist. Gerade diese Erinnerungen, Wahrnehmungen und Reflektionen machen einen großen Teil der Identität stiftenden Qualität des Steinkohlenbergbaus aus. Sie – oder wenigstens wesentliche Ausschnitte aus ihnen – sollen durch das Projekt dauerhaft gesichert und für wissenschaftliche, kulturelle und bildungspolitische Nutzungen aufbereitet werden.
Zu diesem Zweck werden in dem Projekt 80 bis 100 ausführliche, lebensgeschichtlich orientierte und wissenschaftlich aufbereitete Videointerviews mit „Menschen im Bergbau“ geführt. „Menschen im Bergbau“ sind Menschen, die nach 1945 im Steinkohlenbergbau gearbeitet haben oder deren Lebensumfeld vom Steinkohlenbergbau geprägt worden ist: der Kohlenhauer, der aus einer alten Bergarbeiterfamilie stammt, der Flüchtling oder Heimatvertriebene, der sich nach 1945 im Steinkohlenbergbau eine neue Existenz aufbaute, der türkische Migrant, der in den 1960er Jahren als „Gastarbeiter“ angeworben und bald zum Stammarbeiter wurde, die Mütter, Ehefrauen und Töchter aus Bergarbeiterfamilien, der Betriebsrat, der Gewerkschaftsfunktionär, der Zechendirektor, der Unternehmensmanager, der Beamte aus der staatlichen Bergbauaufsicht oder der frühverrentete „Bergbauinvalide“. Diese Lebensgeschichten verdichten sich zu einer durch den Steinkohlenbergbau geprägten kollektiven Identität, die in den (ehemaligen) Bergbauregionen noch immer wie eine Matrix den Kern der Mentalität und kulturellen Prägung ihrer Bevölkerungen bildet.

Sequenzen der Videointerviews, die vollständigen Transkripte sowie weitere Materialien zur Geschichte des Steinkohlenbergbaus nach 1945 werden auf einer Internetplattform als digitales Archiv präsentiert. Die vollständigen Interviews werden im Archiv für soziale Bewegungen und im Bergbauarchiv/montan.dok nach archivfachlichen Gesichtspunkten dauerhaft gesichert, erschlossen und zur wissenschaftlichen und kulturellen Nutzung zur Verfügung gestellt.

Kontakt

Dr. Stefan Moitra Dr. Jens Adamski