Westdeutsche Gewerkschaften und der Strukturbruch

Westdeutsche Gewerkschaften und der Strukturbruch. Der DGB, die IG CPK und die HBV in den 1970er und frühen 1980er Jahren

Das Vorhaben Westdeutsche Gewerkschaften und der „Strukturbruch“ knüpft an die Debatte über die Wandlungsprozesse der 1970er und frühen 1980er Jahre an und möchte dazu beitragen, eine empfindliche Forschungslücke der Gewerkschaftsgeschichte zu schließen. Gegenstand der Arbeit sind der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) sowie die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik (IG CPK). Dabei wird die Diskursebene systematisch mit der gewerkschaftlichen Politik und der betrieblichen Praxis verknüpft. Im Einzelnen werden untersucht:

1.) Die Wahrnehmung der Krisen durch den DGB, die HBV und die IG CPK.
2.) Politik und gewerkschaftliche Praxis der HBV angesichts der Veränderungen im Finanzsektor am Beispiel der Dresdner Bank.
3.) Politik und gewerkschaftliche Praxis der IG CPK im Hinblick auf die Wandlungen in der Chemiebranche am Beispiel des Bayer-Konzerns.

Dieses Forschungsdesign adressiert mehrere Dimensionen des „Strukturbruchs“. Im ersten Teil der Studie wird die Krisenwahrnehmung des DGB, der HBV und der IG CPK behandelt. Außerdem werden die jeweiligen gewerkschaftlichen Antworten auf die veränderte Situation und die daraus resultierenden Gestaltungsversuche herausgearbeitet. Dadurch wird zugleich der gesellschaftspolitische Rahmen abgesteckt, der zur Kontextualisierung der beiden Fallanalysen notwendig ist.
Danach folgen im zweiten und dritten Teil analytische Tiefenbohrungen, um die Politik der HBV und der IG CPK sowie die Situation in zwei Unternehmen bedeutender Branchen – Dresdner Bank und Bayer AG – und das Agieren der jeweiligen Betriebsräte zu erforschen. Diese Beispiele sind quellenmäßig gleich gut dokumentiert und lassen somit den Vergleich zwischen einer Dienstleistungs- und einer Industriegewerkschaft zu. Außerdem gerät das Verhältnis zwischen drei Akteuren (Gewerkschaft, Betriebsrat, Unternehmen) in den Blick.
Der zweite Teil der Studie behandelt den Umgang der HBV mit der sich wandelnden Funktion des Finanzsektors, der Einführung neuer Technologien und deren Implikationen für die Arbeitsbedingungen anhand der Entwicklung der Dresdner Bank in den 1970er Jahren. Durch Einbeziehung des Münchner Betriebsrats kann zusätzlich die Interaktion zwischen Gewerkschaft, Betriebsrat und Unternehmen untersucht werden.
Der dritte Teil untersucht die Politik der IG CPK und des Leverkusener Betriebsrats am Beispiel der Bayer AG. Die Chemiebranche veränderte sich nicht nur aufgrund technologischer Entwicklungen stark, sie wurde auch besonders heftig von den Ölpreiskrisen 1973/1979 und der Umweltdebatte tangiert.
Damit bereichert das Projekt die Gewerkschaftsgeschichte um eine historische Perspektive auf die Rolle von zwei Gewerkschaften im beschleunigten Wandel der Industriegesellschaft „nach dem Boom“ (Doering-Manteuffel/Raphael 2008). Es verbindet eine sozial- und kulturgeschichtliche Herangehensweise an die Gewerkschaften in den 1970er Jahren mit organisations- und unternehmensgeschichtlichen Fragestellungen. Dadurch verspricht das Projekt neue Erkenntnisse über die unmittelbare Vorgeschichte der Gegenwart, die für ein vertieftes Verständnis aktueller Problemkonstellationen unabdingbar sind.