Habilitation Ralf Hoffrogge

Arbeit in der Krise - Gewerkschaftliche Krisendeutungen und Krisenpolitik in Deutschland und Großbritannien

Dr. Ralf Hoffrogge

Quellen und Fragestellung

Das vorgeschlagene Projekt will Krisenwahrnehmungen und Krisenpolitik in deutschen und britischen Gewerkschaften im Langzeitvergleich untersuchen. Dazu werden vier verschiedene Zeiträume betrachtet: die Nachkriegskrise 1919-1923, die Weltwirtschaftskrise 1929-1933, der Strukturwandel Ende der 1970er (ca. 1973-82) und die "Finanzkrise" ab 2007. Als Fallbeispiele werden Gewerkschaften der Metallindustrie gewählt: der Deutsche Metallarbeiter-Verband und seine Nachfolgerin IG Metall sowie die britische Amalgamated Engineering Union. Ihre Presseorgane sind empirische Grundlage des Projekts, sie sind von den 1920ern bis in die Gegenwart belegt und sollen in vier Stichproben für die jeweiligen Krisenphasen ausgewertet werden. Anhand des Materials erfolgt eine Diskursanalyse zum Begriff der Krise sowie zu Lösungsstrategien. Gefragt wird nach der Spannung von korporatistischen sowie konkurrierenden Deutungen und allgemein nach den Bedingungen für Paradigmenwechsel in der Krisenwahrnehmung.

Krise, Klasse und der Begriff von Normalität

Das historische Habilitationsprojekt versteht sich als erste vergleichende Langzeitstudie zu gewerkschaftlicher Krisenpolitik. Es untersucht gezielt Bruchpunkte gesellschaftlicher Integration im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert und nimmt dabei auch heterodoxe Politikangebote sozialistischer und antikapitalistischer Akteure in den Blick. Gefragt wird, unter welchen gesellschaftlichen und diskursiven Vorzeichen sich korporatistische oder klassenkämpferische Deutungsmuster von "Krise" durchsetzen. Die Studie fragt somit gezielt nach der Konstitution von Mentalitäten und Gesellschaftsbildern der organisierten Arbeiterschaft und ihrer Repräsentanten. Selbstbilder von "Klassenbewußtsein" oder "Sozialpartnerschaft" werden nicht a priori gesetzt, sondern als umkämpfte Begriffe im Ringen um politische Hegemonie gedacht. Forschungsleitende Hypothese ist, daß der Begriff der "Krise" ohne ein Konzept von "Normalität" nicht denkbar ist und beide Konzepte im Bewußtsein gewerkschaftlicher Akteure über die Generationen hinweg starke Wandlungen durchgemacht haben. In der Gegenwartskonstellation eines instabilen Postfordismus gerinnt dabei das Krisenhafte und Prekäre zur Normalität - ein Phänomen, dem gewerkschaftliche Akteure erst in Ansätzen mit neuen Deutungsmustern begegnen.