Arbeit in der Krise - Gewerkschaftliche Krisendeutungen und Krisenpolitik in Deutschland und Großbritannien

Dr. Ralf Hoffrogge

Quellen und Fragestellung

Das Projekt will Krisenwahrnehmungen und Krisenpolitik in zwei deutschen und britischen Gewerkschaften im Langzeitvergleich untersuchen. Dazu werden insbesondere die Nachkriegskrise 1919-1926 und der Strukturwandel Ende der 1970er Jahre betrachtet. Als Fallbeispiele werden Gewerkschaften der Metallindustrie gewählt: der Deutsche Metallarbeiter-Verband und seine Nachfolgerin IG Metall sowie die britische Amalgamated Engineering Union (AEU). Ihre Presseorgane sind empirische Grundlage des Projekts, sie sind von den 1920ern bis in die Gegenwart belegt und sollen in Stichproben für die jeweiligen Krisenphasen ausgewertet werden. Anhand des Materials erfolgt eine Diskursanalyse zum Begriff der Krise sowie zu Lösungsstrategien. Gefragt wird nach der Spannung von korporatistischen sowie konkurrierenden Deutungen und allgemein nach den Bedingungen für Paradigmenwechsel in der Krisenwahrnehmung.

Krise, Klasse und der Begriff von Normalität

Das historische Habilitationsprojekt versteht sich als vergleichende Langzeitstudie zu gewerkschaftlicher Krisenpolitik. Es untersucht gezielt Bruchpunkte gesellschaftlicher Integration im 20. Jahrhundert und untersucht sowohl Prozesse von Radikalisierung, als auch Passivität und Ohnmachtserfahrung von Gewerkschaften in Wirtschaftkrisen. Gefragt wird, unter welchen gesellschaftlichen und diskursiven Vorzeichen sich jeweils korporatistische oder klassenkämpferische Deutungsmuster von "Krise" durchsetzen. Die Studie fragt somit gezielt nach der Konstitution von Mentalitäten und Gesellschaftsbildern der organisierten Arbeiterschaft und ihrer Repräsentanten. Selbstbilder von "Klassenbewußtsein" oder "Sozialpartnerschaft" werden nicht a priori gesetzt, sondern als umkämpfte Begriffe im Ringen um politische Hegemonie gedacht. Forschungsleitende Hypothese ist, daß der Begriff der "Krise" ohne ein Konzept von "Normalität" nicht denkbar ist und beide Konzepte im Bewußtsein gewerkschaftlicher Akteure über Generationen hinweg starke Wandlungen durchgemacht haben, gleichzeitig jedoch im Organisationshandeln Pfadabhängikeiten und Traditionen bestehen. In der Gegenwart eines instabilen Postfordismus gerinnt dabei das Krisenhafte und Prekäre zur Normalität - ein Phänomen, dem gewerkschaftliche Akteure erst in Ansätzen mit neuen Deutungsmustern begegnen.

Bisherige Veröffentlichungen zum Projekt:

Ralf Hoffrogge, Engineering New Labour: Trade unions, social partnership,
and the stabilization of British neoliberalism, 1985–2002. Labor and Society. 2018;
21:301–316. DOI: https://doi.org/10.1111/wusa.12340

Ralf Hoffrogge, Voluntarism, Corporatism and Path Dependency: The Metalworkers' Unions the
Amalgamated Engineering Union and IG Metall and their Place in the History of
British and German Industrial Relations. German History, im Erscheinen (2019), DOI: https://doi.org/10.1093/gerhis/ghz037